Die UXcon 2025 drehte sich nicht um schönere Interfaces oder flüssigere User Flows.
Sie drehte sich um Mut, Verantwortung und um das Bewusstsein dafür, dass jede unserer Designentscheidungen beeinflusst, wie Menschen in einer von KI, Komplexität und ständiger Veränderung geprägten Welt mit Technologie umgehen. Schon nach den ersten Talks war klar: Diese Verantwortung für inklusives UX Design ist keine Idee, sondern eine konkrete Aufforderung. Zeit also, aufzuwachen und loszulegen. In diesem Blogbeitrag lasse ich euch an meinen Erkenntnissen zum Thema inklusives UX Design teilhaben.
Von „Radical UX“ bis zur Realität
Renée Reid, von LinkedIn, eröffnete die Konferenz mit einem kräftigen Schuss Optimismus und Realismus. In ihrem Talk Radical UX 2.0 forderte sie uns auf, KI nicht länger als Bedrohung zu sehen, sondern bewusst mit ihr zu gestalten. Nicht um der Automatisierung willen, sondern um menschliches Potenzial zu verstärken.
Später holte Stéphanie Walter diese Vision auf den Boden der Tatsachen. Im Vortrag Designing Beyond the Happy Path erinnerte sie daran, dass unsere schönen Mock-ups meist nur die Idealstrecke zeigen. Doch was passiert, wenn Verbindungen abbrechen, Inhalte fehlen oder Nutzer:innen Fehler machen? Ihr Appell: Reife im Design bedeutet, Resilienz von Anfang an mitzudenken, statt sie nachträglich einzubauen.
Zusammen ergaben ihre Vorträge ein starkes Duo: Reid und Walter haben uns daran erinnert, realistisch zu bleiben, und dass die Realität auch von den Menschen geprägt wird, mit denen wir zusammenarbeiten.
Brücken bauen, Empathie leben
Andy Budd, Ben Sauer und Morgane Peng richteten den Blick nach innen – auf das, wie wir zusammenarbeiten.
Andy Budd beschrieb in Bridging the Divide die stille Spannung zwischen Designer:innen und Führungskräften. Designer:innen empfinden Management oft als einschränkend, während Führungskräfte Design als langsam und übermäßig prozessgesteuert ansehen. Sein Rat ist, lernt die Sprache des Business und zeigt, dass gutes UX Design kein Hindernis, sondern ein Beschleuniger ist.
Auch Ben Sauer knüpfte daran an. In Always Be Creating Clarity sprach er über „strategic storytelling“. Das ist die Kunst, komplexe Ideen so zu erzählen, dass sie Bedeutung bekommen. Morgane Peng brachte schließlich die Arbeitsrealität zurück in den Fokus. In Zeiten knapper Budgets und bröckelnder Teams sind Klarheit und Empathie selbst Akte der Führung.
Mein persönliches Fazit aus dieser Runde: Empathie in UX Design gilt nicht nur den Nutzer:innen. Sie ist das, was Teams, Organisationen und Visionen miteinander verbindet.
Design für alle – und überall
Inklusion war dieses Jahr kein Randthema, sondern das Herzstück der Konferenz. Bryce Johnson vom Microsoft Inclusive Tech Lab zeigte eindrucksvoll, dass Barrierefreiheit weit über gesetzliche Standards hinausgeht. Als Erfinder des Xbox Adaptive Controller und der Microsoft Adaptive Accessories sprach er über sein Framework Devices + Accessories + Augmentations. Zudem gab er Einblick darüber, wie inklusives UX Design Innovation antreibt. Sein Übergang von one-size-fits-all zu one-size-fits-one machte deutlich: Inklusion ist kein Ziel, sondern ein Designprinzip. Wer für extreme Bedürfnisse gestaltet, entdeckt oft Lösungen, die allen Nutzer:innen zugutekommen. Eine der vielen Vorteile von Barrierefreiheit im Internet.
Daran knüpfte Lisa Lokshina mit ihrem Talk Shifting Dimensions: From 2D Screens to Designing for Immersive Tech an. Sie zeigte, wie räumliches Computing und KI-Wearables unsere Arbeit verändern – vom Pixel zur Präsenz, vom Bildschirm in den physischen Raum. Die Verbindung zu Johnsons Ideen war klar: Dieselben inklusiven Prinzipien der Gestaltung gelten weiterhin; allerdings in einer Welt, in der Technologie uns umgibt, zuhört und voraussieht. Diese neue Grenze ist nicht nur technisch, sondern zutiefst menschlich. Denn wenn digitale Erlebnisse in unseren Alltag eintreten, tragen Designer:innen eine neue Verantwortung, Aufmerksamkeit, Selbstbestimmung und Grenzen zu respektieren.
In einer offenen Diskussion zu Diversität und Inklusion wurde deutlich, wie herausfordernd es ist, diese Werte in Zeiten politischer oder organisatorischer Unsicherheit zu bewahren. Ein Satz blieb mir dabei stark im Gedächtnis: „Echte Inklusion bedeutet, Prozesse so zu gestalten, dass sie menschlich bleiben – auch wenn die Welt herum es nicht ist.“ Klar ist, Inklusion ist längst kein Häkchen-Thema mehr. Sie ist das Gewissen und der Kompass unserer Disziplin.
Sinn, Werte und Verantwortung
Nach so viel Fokus auf Inklusion und Barrierefreiheit ging es weiter zu den Grundfragen unseres Handelns als Designer:innen und Führungskräfte.
Birgit Geiberger von IKEA erinnerte daran, dass Führung selbst eine Designaufgabe ist. In Leading with Purpose in a Complex World sprach sie über wertorientierte Führung und darüber, dass nachhaltige und ethische Prinzipien die einzige Navigationshilfe sind, die in einer vernetzten Welt wirklich trägt. Wie das konkret aussieht, zeigte der Case der norwegischen Sozialbehörde NAV: Ihr Team digitalisierte ein sehr umfassendes Papierformular und schaffte damit nicht nur Effizienz, sondern auch mehr Menschlichkeit im Prozess. Ein Beispiel dafür, wie Design nicht nur Systeme optimiert, sondern Gesellschaft gestaltet. UX kann – und muss – Systeme menschlicher machen. Nicht nur effizienter.
Das Design der Zukunft
Als ich am ersten Tag ins MAK-Museum kam, rechnete ich mit spannenden Keynotes und viel Kaffee-Netzwerken. Was ich nicht erwartet hatte: dass sich die fünfte Ausgabe der UXcon Vienna wie ein kollektiver Weckruf anfühlen würde. Nach zwei Tagen UXcon ging ich inspiriert – und leicht aufgewühlt – nach Hause. Und genau das war wohl die Absicht. Ob es um nachhaltige Eventgestaltung oder digitale Verantwortung ging: Überall schwang dieselbe Botschaft mit – inklusives UX Design ist heute eine gesellschaftliche Aufgabe. Jede Entscheidung – welche Daten wir sammeln, welche Patterns wir einsetzen, welche Energie wir verbrauchen – gestaltet die Zukunft, in der wir leben werden.
Wenn ich eines aus dieser Konferenz mitnehme, dann das: UX an sich bewirkt gar nichts. Tools, Methoden und Frameworks sind nur so ethisch wie die Menschen, die sie nutzen. Unsere eigentliche Aufgabe als Designer:innen ist, bewusst zu bleiben – immer wieder zu fragen:
- Wer profitiert vom Design?
- Wer wird ausgeschlossen?
- Und welche Welt erschaffen wir mit unserer Arbeit – bewusst oder unbewusst?
Design wird die Welt nicht retten. Aber verantwortungsvolle Designer:innen könnten den Unterschied machen.
Wenn du mehr über inklusives UX Design oder Barrierefreit wissen willst, helfen dir unsere Expert:innen gerne weiter!